Küss mich, Sahneschnittchen!
(Die Tortenflüsterei 1)
Sie soll seinen Brautstrauß binden – doch was, wenn sie lieber sein Herz behalten will?
Floristin Annika hat einen grünen Daumen, aber ein welkes Liebesleben. Bis eine Brautmutter bei ihr die Hochzeitsblumen bestellt – für einen Bräutigam mit einem sehr ungewöhnlichen Namen. Annika erstarrt. Denn so heißt nur einer: ihre erste große Liebe.
Und tatsächlich: Als sie die Kirche besichtigt, steht er vor ihr: Valerian. Älter. Attraktiver. Immer noch höllisch heiß – und leider verlobt.
Valerian hingegen dachte, er hätte alles im Griff. Karriere? Läuft. Hochzeit? In vier Wochen. Gefühle? Na ja, … irgendwas fehlt. Und das merkt er genau in dem Moment, als er mit Annika zwischen Dahlien und Disteln steht – und sie lacht wie damals. Als wäre das nicht genug, soll er mit Annika die Hochzeitsdeko planen. Dabei kommen mehr alte Gefühle hoch als Wasserdampf in einem Gewächshaus. Valerian fragt sich immer häufiger, ob man Herzensentscheidungen umtopfen kann. Doch was würde dann aus seiner Hochzeit und seiner Karriere?
Zwischen all diesem Chaos eröffnet Annikas Mutter auch noch den Backservice „Die Tortenflüsterei“ und erteilt ungefragt Lebensratschläge. Hilfe!
Leseprobe
„Meeensch, riecht das hier gut!“
Der sommersprossige Junge, der soeben meinen Blumenladen betreten hatte, schnüffelte wie ein kleiner Spürhund und sah sich mit großen Augen um. „Und total bunt isses hier!“
Er war vielleicht acht oder neun Jahre alt, trug eine umgekrempelte Jeans-Latzhose und hatte einen zerknitterten Zehn-Euro-Schein in der Hand, den er wie einen Schatz hütete.
Da ich Annikas Blumenzauber nicht erst seit gestern betrieb, ahnte ich, was der Junge wollte. Solche Besuche waren mein tägliches Brot: kleine Romantiker mit großen Träumen und winzigen Budgets. Ich wischte mir die erdigen Hände an meiner Gärtnerschürze ab und ging lächelnd auf ihn zu.
„Guten Morgen! Kann ich dir helfen? Willst du für jemanden Blumen kaufen?“
„Für die Oma!“ Er nickte eifrig. „Die hat Geburtstag und die mag Blumen total gern. Draußen blüht ja noch fast nix, was ich pflücken kann.“ Als wollte er sich dafür entschuldigen, zuckte er mit den Schultern.
„Das ist aber nett von dir! Ja, jetzt im April gibt es in den Gärten höchstens Tulpen oder Narzissen. Willst du einen Strauß? Oder lieber einen Topf, den sie sich aufs Fensterbrett stellen kann? Schau, die stehen da drüben.“
Ich deutete auf den Wintergarten, in dem ich auf Regalen und rustikalen Holztischen eine große Auswahl an Zimmerpflanzen anbot.
„Lieber so was.“ Er machte ein paar Schritte auf die Eimer zu, in denen duftende Rosen, cremefarbene Freesien und violette Levkojen standen. „Omi mag gern Blumen, die toll riechen. Sie hat eine kleine Wohnung und die würde doch dann so richtig nach den Blumen riechen, oder?“
Der Junge war zuckersüß! „Klar. Wenn wir Blumen mit starkem Duft nehmen, riecht das ganze Zimmer so wie hier.“
Ein Strahlen blühte auf seinem Gesicht auf. „Prima! Dann nehm ich einen gaaanz großen Strauß!“ Er drückte mir den zerknitterten Zehner in die Hand.
Ich lächelte in mich hinein. Dafür bekäme er allenfalls zwei langstielige Rosen, wenn ich richtig abrechnen würde – was ich natürlich nicht tat.
„Kein Problem“, versicherte ich. „Ich mach dir was Schönes. Du kannst dich inzwischen gern umschauen.“
„Ich rieche an jeder einzelnen Blume!“, verkündete er begeistert und machte sich umgehend ans Werk.
Bevor ich mich dem Strauß widmete, musterte ich ihn für einige Sekunden. Sein Gesicht leuchtete, als er ehrfurchtsvoll von Eimer zu Eimer ging, um seine Nase in die Pfingstrosen und Maiglöckchen zu stecken. Genauso war ich als Kind gewesen! Ich hatte von Blumen nicht genug kriegen können.
Wie hatte ich mich damals gefreut, als aus meinem ersten eingepflanzten Sonnenblumenkern eine riesige Pflanze wuchs!
Und wie hatte ich mich gesorgt, dass meine Eltern mich zwingen würden, ihren Spielwarenladen zu übernehmen. Ohne etwas Lebendiges hätte ich mich zu Tode gelangweilt. Zum Glück war es anders gekommen.
Wie immer gab ich mein Bestes und band einen pastellfarbenen Traum aus zartgelben Ranunkeln, weißen Tulpen und rosa gesprenkelten Nelken, verzierte ihn mit filigranem Grün und steckte ein paar fliederfarbene Federn, die ich übrighatte, hinein.
Die Augen des Jungen weiteten sich, als er den Strauß sah. „Der ist wie für eine Prinzessin!“, flüsterte er ehrfurchtsvoll. „So was Schönes hab ich noch nie gesehen. Und die Omi bestimmt auch nicht!“
„Freut mich, dass er dir gefällt.“
Ich verpackte den Strauß, kassierte die zehn Euro und übergab dem Jungen die Blumen. Er wagte es kaum, die bunte Pracht in die Hand zu nehmen.
„Nicht in den Gepäckträger quetschen!“, warnte ich vorsichtshalber. Hatte ich alles schon erlebt.
„Bin nicht mit dem Rad da. Ich gehe gleich zu ihr. Danke dir, du bist eine richtige Blumenfee!“ Er strahlte mich an, lächelte selig und verließ den Laden, den Strauß andächtig vor sich her tragend.
Während ich ihm schmunzelnd nachsah, hörte ich Schritte hinter mir. „Du wirst nie eine echte Geschäftsfrau werden.“ Meine Mutter tauchte neben mir auf und grinste. „Lass mich raten: Der Strauß war mindestens dreißig Euro wert, aber der Bub hat dir nur fünf gegeben?“
„Zehn. Und es geht nicht nur ums Geld. Ich konnte eine Oma glücklich machen, das zählt mehr.“
Sie seufzte sehr ausgiebig. Die Seufzerei war eine Sache, die sie wirklich gut beherrschte. Fast so gut wie Backen. Meine Mutter war nämlich eine wandelnde Konditorei, ständig umgeben von süßen Düften, als würde sie Kekskrümel wie Parfüm verwenden. Auch heute umwehte sie ein Aroma nach gerösteten Nüssen, Vanille und saftigen Kirschen.
„Dein Vater würde sich im Grab umdrehen, wenn er so etwas mitbekäme!“, erklärte sie mir wie so oft. „Er war ein wahrer Geschäftsmann. Natürlich mit meiner Hilfe. Weißt du, wenn man zu zweit an einem Strang zieht, läuft es viel besser im Laden. Da kann man Dinge erreichen, von denen kannst du nur träumen. Und wenn man Erfolg hat, kann man sich eine Auszeit nehmen. Für die Familienplanung.“ Sie sah mich auffordernd an. Sehr auffordernd.
Schon wieder diese alte Leier!
„Mama, ich weiß, du träumst von Enkelkindern. Aber da musst du dich an Vincent wenden. Bei mir ist in Sachen Beziehung Hopfen und Malz verloren. Ich tauge nur für ein Leben als Single.“
Sie stemmte die Hände in die Hüften.
„Sag nicht, dass du immer noch Valerian hinterhertrauerst. Himmel, Annika, es gibt so viele spannende Männer auf dieser Erde!“
Ich senkte stumm den Blick auf ein Blütenblatt, das ich vom Boden aufgehoben hatte. Ja, sicher gab es andere Männer. Aber keinen, der so war wie er. Niemand würde mir jemals so nah sein wie Valerian. Und da er aus meinem Leben verschwunden war, wollte ich keinen Mann, basta.
„Dein Bruder unternimmt ebenfalls keinerlei Anstrengungen in dieser Richtung!“, maulte sie weiter. „Dabei hat er jede Menge hübsche Kundinnen. Ich habe ihm erst vorgestern gesagt, er soll mal eine zum Kaffee einladen.“
Ich grinste in mich hinein. „Vincent hat sich über diesen Vorschlag sicher gefreut.“
Sie antwortete nicht, wirkte aber ein wenig beleidigt.
Meine Mutter lebte in der Wohnung über meinem Blumenladen und teilte ihre Aufmerksamkeit, um nicht zu sagen ihre nervigen Besuche, gerecht zwischen mir und Vincent auf. Er betrieb nebenan den Laden Träume aus Tinte und Papier, zu dem es eine Verbindungstür gab. Das lag daran, dass die beiden Läden früher ein einziger gewesen waren, nämlich Spielmanns Spielwaren. Doch das war längst Geschichte.
„Ich knöpfe mir deine Fensterscheiben im Wintergarten vor“, kündigte Mama resolut an. „Da kann man ja kaum noch hinaussehen. Überhaupt solltest du aus dem Raum mehr machen. Der hat ein riesiges Potenzial!“
Erst jetzt bemerkte ich, dass sie einen Eimer und einen Fensterwischer mitgebracht und abgestellt hatte. Voller Elan stiefelte sie in meinen Wintergarten. Meine Mutter war Mitte sechzig, ein Wirbelwind mit silbernen Locken und Reibeisenstimme, außerdem extrem unausgelastet. Leider.
„Potenzial? Das ist meine Verkaufsfläche für Zimmerpflanzen! Was soll die für ein Potenzial haben?“ Alarmiert folgte ich ihr. Sie hatte doch hoffentlich nicht eine ihrer berühmten Ideen? Alle paar Monate fiel ihr irgendetwas Abstruses ein, das sie dann um jeden Preis umsetzen wollte.
Vincent und ich hatten alle Hände voll zu tun gehabt, ihr auszureden, sich als Fitness-Trainerin für Senioren selbstständig zu machen, wo sie doch schon nach zehn Treppenstufen Atemnot bekam. Auch die Gründung eines privaten Spielcasinos für Rommé und Mau-Mau konnten wir im letzten Moment verhindern, obwohl ihr Andrea-Berg-Fanclub sehr enthusiastisch gewesen war.
Und nun war ihr eine Idee gekommen, wie ich meinen Laden ummodeln sollte? Hilfe! Ich musste das Vorhaben im Keim ersticken, sonst würde ich keine ruhige Minute mehr haben!
„O ja“, verkündete sie und ließ ihren Blick gefährlich nachdenklich durch den Raum gleiten. „Ich habe eine Vision. Ja, ich kann mir das alles schon richtig gut vorstellen!“
Mein Herz hämmerte panisch los, während auch ich mich umsah. Der Wintergarten war ein Schmuckstück aus einer anderen Zeit – mit hohen Rundbogenfenstern, deren grün gestrichenes Eisenwerk zarte Blattmuster zeigte. Das Glasdach ließ warmes Licht hereinströmen, das zwischen den hängenden Farnwedeln und Geranien tanzte. Alte Terrakottafliesen bedeckten den Boden, und an den Wänden rankten sich Efeu und Jasmin an Spalieren empor. Natürlich liebte ich diesen Raum, wie auch das gesamte Jugendstilgebäude. Aber was, bitteschön, sollte ich daraus machen? Das hier war nun mal ein Blumenladen, kein Café, und ich brauchte Platz für die Zimmerpflanzenregale.
„Ein Bistro würde hier perfekt reinpassen“, sinnierte meine Mutter. „Mit ein paar zierlichen Tischchen, wie auf dieser Schamps-Elisää in Paris. Es kommen doch manchmal Leute, die bei dir Kaffee trinken. Das kann man ausbauen.“
Ah, daher wehte der Wind! Da sie für ihr Leben gern backte und dringend nach einer Aufgabe suchte, wollte sie hier ein Café einrichten! Ich konnte sie förmlich vor mir sehen, wie sie in Schürze und mit Tortentellern zwischen den Tischchen herumwirbelte und jedem Gast ungefragt Lebensratschläge servierte, während im Hintergrund ihre geliebte Schlagermusik lief.
„Mom, das ist ein Blumenladen“, beharrte ich. „Mein Blumenladen. Und daraus mache ich garantiert kein Bistro!“ Ich sah ihr direkt in die Augen. Wenn man nicht klar Stellung bezog, hatte man schon verloren.
Sie zog eine Schnute. Ihre Mimik war wirklich eindrucksvoll, Jim Carrey könnte viel bei ihr lernen.
„Du warst schon als Kind so stur“, behauptete sie und zog sich beleidigt die Gummihandschuhe über. „Da macht man dir geniale Vorschläge, ja lebensverändernde Vorschläge! Und du wehrst alles ab. Wieso bin ich nur mit so halsstarrigen Kindern gestraft?“
„Liegt an den Genen“, gab ich zurück. „Mütterlicherseits.“
Das brachte mir ein verärgertes Schnauben ein.
Auch wenn sie mich oft tierisch nervte – sie war meine Mutter und ich liebte sie. Nach dem Tod meines Vaters hatte sie eine schwere Zeit gehabt. Mir hatte es das Herz gebrochen, sie viele Monate so traurig und apathisch zu sehen. Nicht mal gebacken hatte sie, auch sonst rein gar nichts unternommen. Ja, ich hatte sogar Angst gehabt, dass sie ihre Lebensfreude für immer verlieren würde. Nun hatte sie die Trauerphase überwunden und nahm ihr Leben wieder in die Hand, was eine tolle Sache war. Nur halt nicht unbedingt in meinem Laden!
Mit einem sanften Lächeln ging ich auf sie zu und berührte sie am Arm. „Wir finden sicher eine Beschäftigung für dich. Ich höre mich mal um, okay? Außerdem riechst du fantastisch nach Kuchen. Was hast du Gutes gebacken?“
Ihr Blick wurde weicher. „Kirsch-Nuss-Kuchen mit Schoko-Nestern und Vanilleguss. Magst du ein Stück?“ Sie lächelte mich freudig an.
„Ist ein Vergissmeinnicht blau? Klar mag ich eins“, behauptete ich, wenngleich ich keinen Schimmer hatte, was Schoko-Nester waren, und ich lieber ein würziges Fischbrötchen verdrückt hätte.
Sie strahlte. „Ich muss ihn nur noch kurz dekorieren. Ah, da kommt Lena. Ich bring ihr auch gleich einen Teller mit!“
Mit der Leichtfüßigkeit einer Teenagerin eilte sie quer durch den Laden und die Treppe hinauf. Erstaunlich, wie fit sie plötzlich war, wenn es um Kuchen ging! Ich sah ihr lächelnd hinterher und wandte mich anschließend meiner Freundin Lena zu, die in der Buchhandlung gegenüber arbeitete.
Da es dort zwar jede Menge Romane, aber keinen anständigen Kaffee gab, besuchte sie mich mindestens einmal am Tag. Ich hatte mir letztes Jahr einen sündhaft teuren italienischen Vollautomaten geleistet, und da ich genauso kaffeesüchtig war wie Lena, genehmigten wir uns regelmäßig einen Espresso.
„Hi Annika“, begrüßte sie mich und runzelte die Stirn. „Hab ich das richtig gesehen, dass Frieda vor mir geflohen ist? Habe ich irgendetwas falsch gemacht?“
Ich lachte. „Im Gegenteil, sie bringt dir Kuchen. Wahrscheinlich auch für deinen Chef und sämtliche Nachbarn hier in der Straße.“
„Ach so.“ Sie atmete erleichtert auf. „Hatte mich schon gewundert, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst.“
„Als könntest du je etwas falsch machen. Du bist doch die Liebenswürdigkeit in Person.“
Lena war echt ein Phänomen. Während ich mein Temperament oft nicht zügeln konnte und meistens schneller sprach, als ich dachte, blieb sie immer zurückhaltend und freundlich. Sie war nicht nur als Angestellte ein Traum, weil sie selbst bei den schwierigsten Kunden lächelte, sondern auch als Freundin. Niemand konnte so gut zuhören wie Lena! Okay, Vincent auch. Aber mit meinem Bruder sprach ich natürlich nicht über alle Themen. Manches blieb Freundinnen vorbehalten.
„Unsinn“, wiegelte sie ab. „Ich bin nur zu schüchtern, um mit Leuten aneinanderzugeraten.“ Sie grinste breit.
Leider stimmte das. Lena versteckte sich nicht nur hinter ihren Büchern, sondern verbarg auch ihr Gesicht hinter einem markanten Brillengestell und einem Haarvorhang. Wir kannten uns ewig und ich wusste, dass man mit Lena eine Menge Spaß haben konnte.
Ich drückte auf einen Knopf und hatte kurz darauf zwei Tassen Espresso in der Hand, die ich vor uns auf dem Verkaufstresen abstellte.
„Meine Mom hatte heute die wunderbare Idee, aus meinem Wintergarten ein Pariser Bistro zu zaubern.“ Ich verdrehte die Augen. „Wahrscheinlich backt sie künftig nur noch Zwiebelkuchen und Eclairs.“
„Oh, das mag ich beides!“ Lena kicherte. „Aber mal im Ernst – sie hat den Tod deines Vaters inzwischen recht gut verkraftet, oder?“
„Hat sie. Weißt du, ich bin echt froh, dass sie nicht mehr wie ein Trauerkloß herumsitzt. Es ging ihr lange Zeit nicht gut und ich hatte Angst, dass sie nicht zurück ins Leben findet. Aber nun benötigt sie dringend eine Beschäftigung, damit sie Vincent und mir nicht ständig auf die Nerven geht. Braucht ihr vielleicht noch eine Mitarbeiterin?“
„Du liebe Zeit, sie würde Kunden, die einen literarischen Roman suchen, wahrscheinlich Shades of Grey andrehen!“
Ich prustete los. „Hör mir damit auf, sie konnte neulich nicht schlafen und hat den Film im Fernsehen gesehen. Daraufhin hat sie mich den halben Vormittag gelöchert, ob ich schon mal mit einer Reitgerte verhauen wurde.“
Lena, die einen Löffel Zucker im Espresso versenkt hatte, sah auf. „Und? Wurdest du?“
„Du Witzbold! Als hätte ich in den letzten Jahren viel Sex gehabt.“
Mein Liebesleben war so welk wie die Tulpen, die ich heute Morgen entsorgt hatte. Und das war gut so. Liebe war nichts für mich. Die machte nur Probleme, führte zu geschwollenen Augen und enttäuschten Hoffnungen. Auf so etwas hatte ich keinerlei Lust.
„Na ja“, sagte sie gedehnt. „Es gab hin und wieder einen Kerl, mit dem du essen warst.“
„Nur, weil das gut fürs Selbstbewusstsein war. Sich hin und wieder begehrenswert zu fühlen, ist nett. Du weißt aber, dass daraus nie was wurde.“
Sie seufzte. „Weil du immer einen Rückzieher gemacht hast, schon klar. Aber früher, vor sehr, sehr langer Zeit, da hast du durchaus mit Männern rumgemacht.“
Ja. Hatte ich.
Nicht nur rumgemacht, ich hatte geliebt. Aus tiefstem Herzen geliebt. Und ich war so schmerzhaft enttäuscht worden, dass ich das nie wieder erleben wollte. Wieso auch? Mir ging es wunderbar. Ich hatte meine Blumen, meinen Laden, meine Freunde, ein ganz fantastisches Leben.
„Du vermisst ihn noch immer.“ Lenas Stimme war weich wie das Blatt eines Usambaraveilchens.
„Wen?“, fragte ich verwirrt.
„Valerian.“
Auch wenn sie den Namen nur hauchte – ihn zu hören, gab mir einen Stich. Ins Herz. Was total unlogisch war, schließlich hatte er mir ebendieses doch herausgerissen.
„Kein bisschen. Bin froh, dass ich den Mistkerl los bin“, behauptete ich.
Dummerweise sah ich Lena an, dass sie mir nicht glaubte. Ich musste das Gespräch dringend auf andere Themen lenken!
„Damit deine Neugier befriedigt ist: Nein, Valerian und ich hatten nie irgendwelches Bondagezeug ausprobiert, wir hatten keine Peitschensammlung und benötigten kein Safe Word. Punkt. Was viel interessanter ist: Sucht irgendein Laden in unserer Straße eine Aushilfe? Wer könnte meine Mutter einstellen?“
Ich versuchte zu lächeln, aber meine Gedanken klebten noch immer an ihm fest. Nach all den Jahren war er so präsent, als hätten wir uns nie getrennt. Mit Valerian zu schlafen, war das Gegenteil von Peitschenhieben. Er war unfassbar sanft, trotzdem voller Leidenschaft. Er hatte mich geküsst, als wäre ich etwas Kostbares, mich berührt, als würde er sein Verlangen kaum zügeln können. Mich angelächelt, als wäre er der menschgewordene Sohn der Sonne – und ich sein Universum.
Natürlich war ich besser dran ohne ihn. Wer brauchte schon einen Mann, auf den kein Verlass war? Nein, mein Singleleben war perfekt, absolut perfekt! Daran hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Außer vielleicht in diesen Vollmondnächten, wenn ein silberner Glanz sich auf die Bäume hinterm Haus legte, die wir beide so gern betrachtet hatten. Oder wenn es regnete, weil ich dann immer an unsere erste Begegnung denken musste, als er mich an der Bushaltestelle unter seinen Schirm geholt hatte. Und bei Sonnenschein, wenn ich händchenhaltende Pärchen betrachte und mich an diesen Nachmittag erinnerte, an dem ich neben ihm gestolpert war, mein Erdbeereis auf seinem weißen T-Shirt landete und wir so lachten, dass mein Bauch schmerzte – und er mir anschließend mit einem stürmischen Kuss den Verstand raubte.
„Annika?“ Lenas weiche Stimme drang wie durch einen Schleier zu mir. Eilig schüttelte ich diese dämlichen Gedanken ab, stopfte die Erinnerungen zurück in die Mottenkiste und wandte mich ihr wieder zu.
„Sorry, ich war abgelenkt. Mir fiel gerade ein, dass ich für das Firmenjubiläum des Autohauses noch einiges bestellen muss. Das darf ich nicht vergessen“, log ich.
Sie grinste. „Klaaar. Der Blumenschmuck. Du hast an Margariten gedacht und deshalb so verzückt dreingeschaut.“
Mist. Es wurde mir schon mein ganzes Leben zum Verhängnis, dass man in meinem Gesicht lesen konnte wie in einem offenen Buch.
„Also was ist mit einem Job für meine Mom?“, kehrte ich eilig in sichere Gewässer zurück.
Sie zuckte mit den Schultern. „Mir fällt niemand ein, der eine Mitarbeiterin sucht. Kannst du sie nicht bei dir einstellen?“
„Um Gottes willen, sie würde mich wahnsinnig machen und sämtliche Kunden vergraulen, weil sie eine Lilie nicht von einer Iris unterscheiden kann! Nein, nein, sie braucht eine Beschäftigung, bei der sie aus dem Weg ist und eben nicht ständig hier herumhängt.“
„Hm“, machte Lena. „Gar nicht so leicht.“
Ich seufzte schwer. „Echt wahr.“
Trampelnde Schritte auf der Treppe verrieten, dass meine Mutter im Anmarsch war. Sie trug ein Tablett herunter, auf dem ein halber Kuchen und mehrere Teller thronten. Strahlend begrüßte sie Lena.
„Dein Chef freut sich doch auch immer über meinen Kuchen, nicht wahr? Nimm ihm ein Stück mit rüber. Er kann sich ja mal irgendwann dafür bedanken.“
Ah, daher wehte der Wind! Sie hatte heimlich ein Auge auf Arno Ahrens, den Buchhändler, geworfen. Der war allerdings durch und durch Literat, liebte Philosophie und Wagneropern – und würde sicher tot umfallen, wenn sie ihn mit ihrer Schlagermusik beschallen und zu Diese Nacht ist jede Sünde wert aufreizend mit ihren breiten Hüften wackeln würde.
Die Türglocke zeigte die Ankunft einer Kundin an. Ich überließ meine Mutter samt Kuchen der stets hilfsbereiten Lena und ging auf die Frau um die fünfzig zu, die sich unschlüssig umsah.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte ich freundlich.
„Ich brauche einen Strauß für eine Kaffeetafel“, sagte sie. „Heute Nachmittag kommen meine Nachbarinnen zu mir und da muss alles perfekt sein.“ Sie sah reichlich leidend drein, was mich stutzig werden ließ.
Vorsichtig hakte ich nach. „Ich kann die Blumen je nach Anlass zusammenstellen. Vielleicht wäre ein längliches Gesteck passend als Tischschmuck. Wird es eher eine gemütliche Runde sein?“
„Schön wär‘s!“, schnaubte sie. „Wissen Sie, wir sind umgezogen. In ein nobles Viertel, weil mein Mann befördert wurde. Vorher hatten wir eine total entspannte Nachbarschaft, alle liefen leger herum. Aber jetzt? Jede will die andere übertrumpfen mit Auto, Klamotten, Schmuck. Dummerweise wurde ich schon zu drei solchen Kaffeekränzchen eingeladen. Und jetzt bin ich dran.“
Sie sah aus, als würde sie lieber zu einer Wurzelbehandlung gehen, als ihre Nachbarinnen zu bewirten.
Es war nicht ungewöhnlich, dass mir Kundinnen ihr halbes Leben erzählten. War wahrscheinlich wie beim Frisör: Mit quasi Unbekannten redete es sich leichter als mit manch anderen Menschen. Oder es kam daher, dass ich zwischen so vielen duftenden und bunten Blumen äußerst vertrauenswürdig wirkte.
„Verstehe. Klingt nicht vergnügungssteuerpflichtig, so eine Einladung“, sagte ich mitfühlend.
„Absolut nicht.“ Sie atmete tief aus und ein. „Ich habe edles Geschirr und Kaffeebohnen aus der Rösterei. Aber Backen ist nicht mein Ding.“
„Hier an der Ecke ist eine gute Konditorei“, schlug ich vor. „Da könnten Sie Tortenstücke kaufen.“
„Das ist es ja: So etwas wäre ein absolutes No-Go!“ Sie echauffierte sich so sehr, dass ihre Stimme laut wurde. „Es muss natürlich etwas Selbstgemachtes sein, gern etwas Ausgefallenes. Das stresst mich enorm.“ Sie lachte und errötete. „Sie müssen mich für vollkommen bekloppt halten.“
„Gar nicht! Ich habe solche Storys schon von vielen Kundinnen gehört. Bei Verwandtenbesuchen oder dem berühmten Kuchenbuffet im Kindergarten, wo jede Mutter eine ach so tolle Kreation beisteuern soll. Es gibt eine Menge Frauen, die da total unter Druck geraten!“
„Das ist es!“, krähte eine raue Stimme dazwischen.
Ich wirbelte herum. Meine Mutter war neben mir aufgetaucht, einen Kuchenbrösel im Mundwinkel.
„Mama, du kannst hier nicht einfach …“
„Das ist die Geschäftsidee!“, rief sie begeistert, ohne auf meinen Einwand zu achten.
Mit einem strahlenden Lächeln im Gesicht ging sie auf die Kundin zu, die leicht verwirrt dreinschaute.
„Sie brauchen also eine Torte, die aussieht wie selbstgemacht, können das aber nicht?“, fragte sie.
„Sie haben unser Gespräch belauscht?“ Die Kundin hob die Augenbrauen.
„Papperlapapp. Sie haben so laut geredet, das hätte man sogar drüben im Buchladen verstanden. Passen Sie auf: Ich bin eine verdammt gute Bäckerin. Ja, richtig genial sogar! Probieren Sie mal meinen Nuss-Kirsch-Kuchen mit Schoko-Nestern!“
Bevor die verdutzte Kundin reagieren konnte, flitzte meine Mutter zur Theke, kehrte mit einem Teller zurück und drückte ihn der Frau in die Hand.
„Schoko-Nester?“, wiederholte die und betrachtete das saftige Kuchenstück skeptisch.
„Die waren von Ostern übrig. Kleine Körbchen mit winzigen Nugateiern. Passen super zu den Kirschen. Probieren Sie, los!“
Himmel, jetzt drehte sie offenbar völlig durch! Ich würde ihr Ladenverbot erteilen müssen. Und vor allem ein Kunden-Ansprech-Verbot. Sie konnte doch nicht in diesem Unteroffiziers-Ton mit einer neuen Kundin reden!
„Mama, das geht so nicht!“, zischte ich und wollte sie am Ärmel nach hinten ziehen, doch sie weigerte sich standhaft. Da sie durch ihre Backleidenschaft einige Kilos zu viel mit sich herumtrug, bewegte sie sich keinen Zentimeter vom Platz, sondern musterte gespannt die Kundin.
Die stach ein kleines Stück Kuchen ab, schob es sich in den Mund – und schloss genießerisch die Augen.
„Das schmeckt fantastisch! Saftig, fruchtig, schokoladig, ein Traum!“, lobte sie begeistert.
Mutter nickte zufrieden. „Hab ich Ihnen doch gesagt! Und meine Torten sind sogar noch besser. Zufällig habe ich gestern Abend einen Biskuitboden gebacken. Wollte ihn heute füllen für ein Experiment. Aber wenn Sie wollen, bastle ich Ihnen daraus eine Torte. Gegen Bezahlung, versteht sich. Mango-Prosecco? Sahne-Preiselbeere? Schwarzwälder Kirsch?“
Mir klappte die Kinnlade herunter. War sie jetzt komplett wahnsinnig geworden? Sie konnte doch nicht hier in meinem Laden einfach meine Kunden …
„Das wäre meine Rettung!“, jubelte die Kundin. „Sie würden das wirklich machen? Der Preis spielt keine Rolle. Nur das Rezept bräuchte ich natürlich.“
„Kindchen, das ist eine meiner leichtesten Übungen“, erklärte Mutter großspurig und verschränkte die Arme, als wäre sie eine weibliche Ausgabe von Paul Bocuse.
Kindchen? Himmelherrgott, wie redete sie denn diese fremde Frau an?
„Oh, Sie ahnen nicht, wie erleichtert ich gerade bin. Machen Sie das regelmäßig? Kuchen auf Bestellung backen, die man als selbstgemacht ausgeben kann? Ich glaube, dann buche ich Sie auch für die anstehende Geburtstagsfeier meines Mannes!“ Die Kundin strahlte übers ganze Gesicht.
„Bin noch recht neu im Geschäft“, nuschelte meine Mutter. „Hat sich noch nicht herumgesprochen. Kommen Sie mit in den Wintergarten, da können wir in Ruhe über die heutige Torte reden, während Annika Ihnen ein passendes Blumengesteck macht. Haben Sie bestimmte Farben im Sinn?“
„Mein Geschirr ist dunkelblau und weiß“, sagte sie.
„Perfekt. Dann stellt Annika etwas mit Vergissmeinnicht und Tagetes zusammen. Und wir beide reden über Blaubeer-Mascarpone-Füllung!“
„Tagetes?“, wiederholte ich halblaut, während sie die begeisterte Frau nach nebenan schleifte. „Seit wann, bei allen Heiligen, gibt es blaue Tagetes?“
Lena kam zu mir und grinste mich an.
„Sieht aus, als hätte deine Mutter eine brandneue Geschäftsidee. Pass nur auf, dass sie deinen Laden nicht übernimmt!“
Sie kicherte. Mir hingegen war eher danach, laut schreiend durch die Rosengestecke zu laufen und in den Gummibaum zu beißen!
Ich schnaubte leise, schüttelte den Kopf und sammelte ein paar welke Blütenblätter vom Tresen. Für einen Moment war es still im Laden, nur der Duft der Rosen hing in der Luft – süß und ein bisschen schmerzhaft. Meine Haut kribbelte, denn Erinnerungen drängten nach oben. Ich schob sie beiseite und ließ die Blütenblätter in den Mülleimer fallen. Dabei sah ich aus dem Nichts plötzlich Valerians Augen vor mir. Mein Nacken kribbelte, mein Brustkorb verkrampfte sich und mir wurde klar, dass ich ihn, Valerian, nie wirklich weggeworfen hatte.
